Ausgabe 3/2020, Juli

WIdO-Themen

Früherkennung: Die Teilnahmeraten sind oft noch zu niedrig

Gesetzlich Versicherte beanspruchen die Früherkennungsuntersuchungen zu Krebserkrankungen und anderen Krankheiten insgesamt recht häufig. Dennoch werden längst nicht alle Versicherten mit diesen Maßnahmen erreicht. Das zeigt eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Auf der Basis von AOK-Routinedaten hat das WIdO insgesamt sechs unterschiedliche Früherkennungsmaßnahmen unter die Lupe genommen. Die aktuelle Langzeit-Auswertung umfasst einen Zeitraum von zehn Jahren (2009 bis 2018). Großes Verbesserungspotenzial zeigt die Auswertung im Bereich des Darmkrebs-Screenings. Hier konnten die Versicherten im Beobachtungszeitraum nach Vollendung des 50. Lebensjahres eine einmalige Beratung und eine jährliche Stuhluntersuchung auf verborgenes Blut wahrnehmen (ab Vollendung des 55. Lebensjahres alle zwei Jahre). Zudem bestand nach der Vollendung des 55. Lebensjahres ein Anspruch auf eine Koloskopie (Darmspiegelung). Insgesamt bietet das Darmkrebs-Screening Anspruch auf zwei Koloskopien im Abstand von zehn Jahren. Nur bei etwas mehr als 40 Prozent des einbezogenen Personenkreises fand innerhalb des Zehn-Jahres-Zeitraums mindestens eine Koloskopie statt. Diese führten jedoch mehrheitlich Krankenhäuser und Vertragsärzte zur Diagnostik oder im Rahmen anderer medizinischer Maßnahmen durch, also außerhalb des Screenings.


Am höchsten liegen die Teilnahmeraten bei den 65- bis 74-jährigen Versicherten, etwas niedrigere Raten zeigen sich bei den Personen ab 75 Jahren sowie bei den 60- bis 64-Jährigen. Zirka 25 Prozent der anspruchsberechtigten Personen nahmen gar nicht am Darmkrebs-Screening teil. Bei ihnen wurde weder eine Koloskopie noch ein Stuhltest oder zumindest eine Beratung durchgeführt. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat das Screening in der Zwischenzeit erweitert und das Anspruchsalter für Männer von 55 auf 50 Jahre gesenkt. Zudem verschicken die Krankenkassen seit Juli 2019 Einladungen zur Darmkrebs-Vorsorge.
 

Andere Früherkennungsmaßnahmen mit jährlichen Untersuchungen (Krebserkrankungen bei der Frau und beim Mann) oder zweijährlichen Abständen (Allgemeine Gesundheitsuntersuchung „Check-up 35“, Hautkrebs- und Mammografie-Screening)wurden im Betrachtungszeitraum unterschiedlich beansprucht. So ist die Früherkennungsuntersuchung auf Krebserkrankungen bei der Frau breit etabliert. Etwa 80 Prozent der Frauen bis zu 40 Jahren ließen sich innerhalb der zehn Jahre mindestens dreimal untersuchen. Im Sinne der Europäischen Leitlinie kann das als regelmäßig gelten, wenngleich der Gemeinsame Bundesausschuss im Beobachtungszeitraum noch eine jährliche Untersuchung vorsah.


Deutlich schwächer hingegen fällt die Inanspruchnahme des Hautkrebs-Screenings aus. Im Zehn-Jahres-Zeitraum haben rund 40 Prozent der Versicherten kein solches Screening durchführen lassen; weniger als 30 Prozent beanspruchten es mindestens drei Mal.

Hanna Tillmanns, Mitarbeiterin im Forschungsbereich ambulante Analysen und Versorgung im WIdO

„Früherkennungsuntersuchungen für Darmkrebs werden noch zu wenig genutzt. Nun bleibt abzuwarten, wie sich das neue Einladesystem auswirkt.“

Hanna Tillmanns, Mitarbeiterin im Forschungsbereich ambulante Analysen und Versorgung im WIdO

Covid-19: Gefährdete Gruppen besser schützen

Manche Vorerkrankungen erhöhen das Risiko für schwere Verläufe von Covid-19-Infektionen. In welchen Altersgruppen und in welchen Regionen Deutschlands solche Erkrankungen häufiger oder seltener auftreten, hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) untersucht.

Eine Infektion mit SARS-CoV-2-Viren kann vor allem Patienten mit chronischen Vorerkrankungen gefährlich sein. Eine Bewertung des Robert Koch-Instituts geht davon aus, dass spezifische Vorerkrankungen mit einem erhöhten Risiko schwerer Verläufe einhergehen. Bundesweit leiden 21,9 Millionen Menschen in Deutschland unter mindestens einer Vorerkrankung, die ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe von SARS-CoV-2-Infektionen mit sich bringt. Das ist mehr als jeder vierte Einwohner. Während bei den unter 20-Jährigen laut WIdO-Analyse nur etwas mehr als drei Prozent mindestens eine dieser Vorerkrankungen aufweisen, steigt der Patientenanteil mit zunehmendem Alter kontinuierlich an und liegt bei den über 80-Jährigen bei 80 Prozent. Knapp zwei Drittel der Patienten mit mindestens einer Vorerkrankung sind 60 Jahre oder älter. Die Ergebnisse dieser Analyse des WIdO können die Planung der Gesundheitsversorgung unterstützen und dazu beitragen, potenziell schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigungen durch SARS-CoV-2-Infektionen abzuschwächen oder ganz zu verhindern. Damit könnten Risikogruppen besser geschützt und gezielte Maßnahmen für hoch gefährdete Regionen entwickelt werden. Die Ergebnisse sollen auch helfen, den Bedarf an stationären und intensivmedizinischen Behandlungen auf lokaler Ebene besser abzuschätzen. 


Dazu hat das WIdO auf der Basis der Leistungsdaten von 26,5 Millionen AOK-Versicherten die Anzahl der Patienten mit Vorerkrankungen berechnet. Das vom WIdO und der Universität Trier entwickelte alters-, geschlechts- und morbiditätsadjustierende Hochrechnungsverfahren ermöglicht dabei Aussagen, wie viele der 82,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Deutschlands mindestens eine Vorerkrankung und damit ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe von Covid-19 haben. In der Auswertung wurde eine überwiegend konservative, vorsichtige Abschätzung vorgenommen: Sie berücksichtigt neben den ärztlichen Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung auch die weiteren Behandlungen in Form von Arzneiverordnungen oder Operationen, die mit der jeweiligen Erkrankung und deren Schwere zusammenhängen.


Der Bericht ordnet die Ergebnisse nach Altersgruppen und auf Ebene der 16 Bundesländer und der 401 Kreise und kreisfreien Städte. Die Ergebnisse lassen sich nutzen, um Patientengruppen in einem bestimmten Alter präventive Maßnahmen anzubieten, die Infektionen und schwere Krankheitsverläufe vermeiden. Darüber hinaus können Regionen mit vielen vorerkrankten Einwohnern identifiziert werden. Die Angaben lassen sich als ergänzende Informationen zur regionalen Ausbreitung und Ausbreitungsgeschwindigkeit sowie zu anderen Einflussgrößen der SARS-CoV-2-Infektion verwenden. Das macht es leichter, den stationären und intensivpflichtigen Behandlungsbedarf genauer abzuschätzen..

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Analysen – Schwerpunkt: Herausforderung Indikationsstellung

Datennutzung im Gesundheitswesen aus Sicht der Versorgungsforschung

Holger Gothe, IGES Institut GmbH, Berlin, Enno Swart, Universität Magdeburg, und Peter Ihle, Universität Köln

Daten im Gesundheitswesen zu Forschungs- und Entwicklungszwecken zu nutzen, wird zunehmend attraktiver. Prinzipiell bieten sich zahlreiche Datenquellen dafür an; der Fantasie und den Erwartungen an neue Erkenntnisse scheinen kaum Grenzen gesetzt. Und doch stellen sich wissbegierigen Datennutzern eine Reihe von Herausforderungen in den Weg. Der vorliegende Beitrag beschreibt die Chancen und Risiken der Datennutzung im Gesundheitswesen aus Sicht der Versorgungsforschung und schildert das Alternieren zwischen Faszination und Ernüchterung, dem diejenigen sich ausgesetzt sehen, die den Daten auf den Grund gehen wollen. Pointiert lässt sich diese Polarisierung in fünf Paradoxa fassen, die im Beitrag aufgezeigt werden.

Datennutzung im Gesundheitswesen aus Verbraucher- und Patientenperspektive

Peter Haas, Fachhochschule Dortmund

Verbraucher und Patienten nutzen digitale Technologien heute vielfältig für ihr persönliches Gesundheits- beziehungsweise Krankheitsmanagement. Digitale Gesundheitsanwendungen können zu gesundem Lebensstil und Adhärenz beitragen. Auch die Gesundheitsinstitutionen sind zunehmend digital und es entstehen übergreifende Telematikanwendungen. Verbraucher und Patienten, aber auch Ärzte und andere Heilberufler geben in nie gekanntem Ausmaß sehr persönliche Gesundheitsdaten informatischen Artefakten wie Primärsystemen, eHealth-Anwendungen, Apps, Webseiten und -anwendungen und je nach Absicherung der Verbindungen auch den Netzen preis. Dem großen Nutzen und den Chancen für eine bessere Gesundheitsversorgung stehen Risiken gegenüber, die durch geeignete rechtliche, organisatorische und technische Rahmenbedingungen minimiert werden müssen.