Versorgungs-Report Früherkennung

Die aktuelle Ausgabe des Versorgungs-Reports greift die versorgungswissenschaftliche Diskussion um Chancen und Risiken der Früherkennung auf. In insgesamt 13 Fachbeiträgen beleuchten namhafte Expertinnen und Experten aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen bei der Früherkennung von Krankheiten. Im Fokus stehen:

  • gesundheitswissenschaftliche Konzepte und Methoden der Früherkennung
  • wissenschaftliche Erkenntnisse über Nutzen und Risiken ausgewählter Screenings
  • Entwicklung und Anforderungen an ausgewogene, evidenzbasierte Informationsangebote
  • empirische Analysen zur Akzeptanz und Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen in der gesetzlichen Krankenversicherung

Der Teil „Daten und Analysen“ informiert auf der Grundlage von AOK-Abrechnungsdaten umfassend über die Häufigkeit von Erkrankungen und Behandlungen in Deutschland:

  • Behandlungsprävalenzen und Hospitalisierungsraten für die häufigsten Erkrankungen, differenziert nach Alter und Geschlecht
  • Krankenhausbehandlungen, Arznei- und Heilmittelverordnungen sowie ärztliche Inanspruchnahme

Weitere Daten zu Behandlungshäufigkeiten von mehr als 1.500 Krankheiten stehen unter www.mwv-open.de zur Verfügung.

Teil I Schwerpunkt: Früherkennung

Prinzipien und Methoden von Früherkennungsuntersuchungen

Bernt-Peter Robra und Norbert Schmacke

Früherkennung von Erkrankungen ist nur dann legitim, wenn durch hinreichend große randomisierte kontrollierte Studien belegt ist, dass sie tatsächlich einen klinisch relevant günstigeren Verlauf der Erkrankung bewirkt. Eine naive Gleichsetzung von „früh(er)" mit „wirksam(er)" und „kostengünstig(er)" ist nicht haltbar. In dem Umfang, in dem Primärprävention möglich ist, z.B. durch Verzicht auf Noxen, oder kurative Behandlung erfolgreich ist, verliert Früherkennung an Bedeutung.

Der vorliegende Beitrag beschreibt Begriffe und Prinzipien, die bei Vorbereitung, Einführung und Evaluation von Früherkennungsprogrammen berücksichtigt werden müssen. Selbst bei Vorliegen hochwertiger Evidenz aus (internationalen) Studien verlangt die Entscheidung, ein Früherkennungsprogramm flächendeckend einzurichten, mutige Verallgemeinerungen auf die Funktionsfähigkeit des eigenen Gesundheitswesens. Das unterstreicht den Stellenwert einer begleitenden formativen Evaluation. Die Möglichkeiten dazu haben sich in Deutschland schrittweise verbessert. Zu wesentlichen Fragen, nicht zuletzt zum Stellenwert des Screenings auf Haut- und Prostatakrebs und der Früherkennung in der Primärversorgung, gibt es aber international weiter Klärungsbedarf, zu dem eine Beobachtung laufender Aktivitäten der GKV nur indirekt beitragen kann.

Welche Information darf ein individueller Versicherter daher in Sachen Screening erwarten, welche kann er bekommen und welche erhält er? Standards einer die Gesundheitskompetenz der Bürger fördernden Informationspolitik werden zunehmend erkennbar. Doch ohne Polemik ist festzustellen: Der Nutzen selbst gut begründeter und durchgeführter Screening-Programme wird i.d.R. in öffentlich verbreiteten Aufklärungsmaterialien und in der individuellen Arzt-Patienten-Kommunikation deutlich überschätzt. Das große Thema „paternalistische vs. versichertenorientierte Aufklärung" ist kein Thema allein der Patientenrechte. Im Bereich der Früherkennung ist es auch eine Frage der Rechte der Bürger.

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Informierte Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen: Ergebnisse einer Befragung unter GKV-Versicherten

Caroline Schmuker und Klaus Zok

Der Nationale Krebsplan hat es sich zum zentralen Ziel gesetzt, die Information der Versicherten über Nutzen und Risiken der Früherkennung zu verbessern. Er hat damit dem Ziel der Aufklärung Vorrang vor dem Ziel einer Erhöhung der Teilnahmeraten gegeben. Um ein aktuelles Bild von der Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen zu erhalten, hat das WIdO eine repräsentative Telefonbefragung unter volljährigen gesetzlichen Versicherten durchgeführt (N = 2012). Zentrale Leitfragen der Befragung waren: (1) Wie bewerten Versicherte Früherkennungsmaßnahmen? (2) Wie häufig nehmen Versicherte an den von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) angebotenen Früherkennungsuntersuchungen teil? (3) Welche Hinderungsgründe nennen Nicht-Teilnehmer? (4) Über welche Informationsquellen informieren sich Versicherte? und (5) Wie werden schriftliche Entscheidungshilfen und ärztliche Informationsgespräche zur Früherkennungsuntersuchung von Versicherten wahrgenommen? Ergebnisse: Die Selbstauskünfte der Befragten zeigen, dass die gesetzlichen Früherkennungsmaßnahmen sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Anzeichen für eine informierte, evidenzbasierte Entscheidung sind bei den Versicherten bislang nur bei wenigen Untersuchungen erkennbar. Die Befragungsergebnisse machen deutlich, dass vorliegende schriftliche Informationsmaterialien häufig nicht wahrgenommen werden und ärztliche Aufklärungsgespräche nur selten stattfinden. Da diese Schlussfolgerungen auf Selbstangaben der befragten Versicherten basieren, sind sie mit entsprechender Einschränkung zu betrachten.

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Früherkennung bei Erwachsenen in der gesetzlichen Krankenversicherung: Ergebnisse einer AOK-Sekundärdatenanalyse

Hanna Tillmanns, Gerhard Schillinger und Hendrik Dräther

Früherkennungsuntersuchungen werden bei tatsächlich oder vermeintlich Gesunden vorgenommen und verfolgen das Ziel, schwere und chronische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und so schwerwiegende Folgen zu vermeiden. In der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland liegt neben der allgemeinen Gesundheitsuntersuchung der Schwerpunkt auf Krebsfrüherkennungsuntersuchungen (Früherkennung von Krebserkrankungen bei der Frau bzw. beim Mann, von Darmkrebs, von Hautkrebs sowie das Mammografie-Screening).

Zum Umfang der Teilnahme an diesen Untersuchungen gibt es bislang für Deutschland lediglich Querschnittsuntersuchungen, die anhand von Routinedaten die Teilnahmerate pro Jahr bzw. für die Krebsfrüherkennung bei der Frau auch über einen Zeitraum von drei Jahren auswerten. Daneben gibt es Befragungsstudien, die auch längere Zeitintervalle abfragen, aber methodische Schwierigkeiten haben.

In dieser Auswertung wurden daher neben der Querschnittsuntersuchung zu den Teilnahmeraten an den Früherkennungsuntersuchungen auch längsschnittliche Auswertungen über einen Zeitraum von zehn Jahren durchgeführt, wodurch Aussagen zur Regelmäßigkeit der Teilnahme bzw. bei der Darmkrebsfrüherkennung zur kumulativen Teilnahme möglich sind. Ferner wurden zum Beispiel beim Darmkrebs-Screening auch Koloskopien betrachtet, die im Rahmen einer Abklärungsdiagnostik ambulant oder stationär erfolgen.

Die höchsten Teilnahmeraten finden sich dabei mit über 75% bei der allgemeinen Krebsfrüherkennung der Frauen zwischen 25 und 45 Jahren, die niedrigsten Raten beim Hautkrebs-Screening. Beim Darmkrebs-Screening zeigte sich, dass Früherkennungskoloskopien nur etwa 16% aller Koloskopien ausmachen. Bei zusätzlicher Berücksichtigung diagnostischer Koloskopien haben zwischen dem 65. und 75. Lebensjahr, also nach dem Ende des ersten Inanspruchnahmeintervalls für die Früherkennungskoloskopie, 44% der Versicherten eine Koloskopie in Anspruch genommen. Fast ein Viertel der Versicherten im anspruchsberechtigten Alter hat in den betrachteten zehn Jahren weder eine Untersuchung auf verdecktes Blut im Stuhl noch eine Koloskopie noch eine Beratung zum Darmkrebs-Screening erhalten.

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Mammografie-Screening: Nutzen, Risiken, Aufklärung - ein Gespräch zwischen Ingrid Mühlhauser und Ulrike Nitz

Hans-Bernhard Henkel-Hoving und Annegret Himrich

In Deutschland wurde auf einstimmigen Beschluss des Bundestags 2005 ein nationales Mammografie-Screening mit standardisiertem Qualitätsmanagement eingeführt. Die Politik schätzte den Nutzen hoch ein und verwies zur Begründung vor allem auf die eklatanten Qualitätsmängel des ‚grauen‘ Screenings in den Händen niedergelassener Ärzte. Frauen zwischen 50 und 69 Jahren werden seitdem alle zwei Jahre über die Einwohnermelderegister angeschrieben. Dem Einladungsschreiben liegt als Entscheidungshilfe ein Informationsblatt bei, das über Nutzen und Schaden des Screenings informiert. Die aktuelle Version wurde mit der Methodik der evidenzbasierten Entscheidungshilfen vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erarbeitet.

Die Röntgenuntersuchung der Brust (Mammografie) wird als Standardverfahren zur Abklärung krebsverdächtiger (Tast-)Befunde eingesetzt (genannt ‚diagnostische‘ oder ‚kurative‘ Mammografie). Ob sie sich auch zur Früherkennung von Brustkrebs bei klinisch gesunden Frauen eignet (mit dem Hauptziel, die Lebenserwartung zu verlängern) wurde seit Mitte der 70er-Jahre in der Niederlande, Schweden, Finnland und Großbritannien in kontrollierten Studien (RCT) untersucht. Die Ergebnisse sind die Basis für eine lebhafte internationale Debatte über Nutzen und Risiken des Mammografie-Screenings.

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Entscheidungshilfen („Decision Aids“): Förderung einer evidenzbasierten Entscheidung zur Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen

Marie-Luise Dierks und Fülöp Scheibler

"All screening programmes do harm; some do good as well, and, of these, some do more good than harm at reasonable cost" (Gray et al. 2008:480). Diese Feststellung von Gray et al. zielt auf zwei wichtige Aspekte: 1. Das Gesundheitssystem ist dafür verantwortlich, evidenzbasiert zu prüfen, welche Screening-Maßnahmen unter welchen Bedingungen angeboten werden sollten. 2. Es ist dazu verpflichtet, die Menschen über Screening-Programme so zu informieren, dass sie in Kenntnis der Vor- und Nachteile eine für sie sinnvolle Entscheidung über Teilnahme oder Nicht-Teilnahme treffen können. In den letzten Jahren sind in Deutschland unterschiedliche Materialien entwickelt worden, die eine Entscheidungsfindung auf Grundlage vorliegender wissenschaftlicher Evidenz ermöglichen sollen. Dennoch zeigen Studien, dass die benötigten Informationen die Nutzerinnen und Nutzer nicht komplett erreichen. So wird beispielsweise der Nutzen der Maßnahmen häufig deutlich überschätzt; und zwar auch deswegen, weil selbst Ärzte die wissenschaftlich begründeten Hintergrundinformationen oft nicht eindeutig einordnen und/oder Patientinnen und Patienten nur unzureichend beraten (können).

Der Beitrag thematisiert die Anforderungen an eine ausgewogene, evidenzbasierte Patienteninformation im Rahmen der Krebsfrüherkennung (KFU) und zeigt im Lichte der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung, dass eine rein auf schriftliche Informationen setzende Aufklärung nicht ausreicht, sondern dass vielmehr andere Medien und insbesondere die Arzt-Patient-Kommunikation systematisch einbezogen werden sollten.

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Der Nationale Krebsplan (NKP) als Instrument der Politikgestaltung

Antonius Helou

Der Beitrag beschreibt Hintergrund, Zielsetzung, Struktur, Arbeitsweise und Ergebnisse des Nationalen Krebsplans (NKP). Am Beispiel der Krebsfrüherkennung werden wesentliche Ergebnisse und Methoden des NKP näher beschrieben. Die politikwissenschaftliche Analyse beleuchtet Möglichkeiten und Grenzen solcher krankheitsbezogener gesundheitspolitischer Initiativen und die Rolle der Selbstverwaltung. Dabei erfolgt eine Abgrenzung des NKP zu Forschungs- und Leitlinien-Programmen.

Der NKP wurde im Juni 2008 durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), die Deutsche Krebshilfe, die Deutsche Krebsgesellschaft und die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren als Koordinierungs- und Kooperationsprogramm zur Weiterentwicklung der Krebsfrüherkennung und der onkologischen Versorgung initiiert. Er umfasst vier Handlungsfelder, 13 Ziele und rund 40 zugehörige Teilziele. Der NKP wird vom BMG koordiniert und moderiert. Zentrales Lenkungsgremium ist die Steuerungsgruppe, der Vertreter der maßgeblich für die onkologische Versorgung verantwortlichen Organisationen, Institutionen und Verbände des Gesundheitswesens angehören. Zu den einzelnen Handlungsfeldern und Zielen des NKP wurden multidisziplinär besetzte Arbeits- und Unterarbeitsgruppen eingerichtet, die in einem konsensorientierten Prozess Analysen und realisierbare Umsetzungsempfehlungen in Form von strukturierten „Ziele-Papieren" erarbeitet und der Steuerungsgruppe zur Annahme vorgelegt haben. Im NKP wurden insgesamt über 100 Empfehlungen zur Weiterentwicklung der onkologischen Versorgung erarbeitet, die seit 2011 sukzessive umgesetzt werden. Herausgehobene Meilensteine in der Umsetzung sind das Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) und die damit verbundene Einführung von organisierten Krebsfrüherkennungsprogrammen gemäß den europäischen Leitlinien sowie der flächendeckende Ausbau von klinischen Krebsregistern, die Entwicklung eines Nationalen Musterlehrplans zur Verbesserung der ärztlichen Gesprächsführung im Medizinstudium und die Einrichtung eines Förderschwerpunkts. Wichtige aktuelle Themen des NKP sind u.a. die Regelfinanzierung von ambulanten Krebsberatungsstellen, Gesundheitskompetenz und Patientenorientierung in der Onkologie, das Langzeitüberleben nach Krebs sowie die Qualität und Vernetzung der onkologischen Versorgung.

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Früherkennungsuntersuchungen in der Schwangerschaft und bei Neugeborenen

Tanja Krones

Der Betrag befasst sich mit zentralen klinisch-ethischen Aspekten des Screenings zu Beginn des Lebens: dem Pränatal- und dem Neugeborenen-Screening. Für diese Bereiche sind einerseits dieselben ethischen Aspekte wie für andere Formen des Screenings von Bedeutung, wie die Problematik falsch positiver und falsch negativer Befunde. Jedoch stellen sich vielfältige, darüber hinausgehende Fragen von ethischer Relevanz: Die Entscheidung zum Screening wird von (werdenden) Eltern für ihr (zukünftiges) Kind getroffen. Je nach Konstellation stellt sich pränatal die Frage nach einem Schwangerschaftsabbruch oder dem Austragen und der bestmöglich begleiteten (palliativen) Geburt eines womöglich kranken oder schwer beeinträchtigten Kindes; Fragen, die nicht nur die Schwangere und ihren Partner, sondern häufig auch die Geschwister sehr berühren. Beim Neugeborenen-Screening nach unauffälliger Schwangerschaft ist die Konstellation eine Andere. Hier geht es aus ethischer Perspektive primär um Fragen der bestmöglichen Aufklärung und Entscheidungsfindung unter häufig zeitkritischen Bedingungen. In diesem Artikel wird weniger auf die detaillierten fachlichen Grundlagen des Pränatal- und Neugeborenen-Screenings als auf die ethischen Fragen und Abwägungen eingegangen, die sich aus der besonderen prä- und unmittelbar postnatalen Konstellation ergeben. Dieser Bereich wird in Deutschland seit 2010 stark durch die Vorgaben und Auslegungen des Gendiagnostikgesetzes bestimmt; medizinische, ethische und rechtliche Aspekte prägen auch die entsprechenden Leitlinien. Für beide Bereiche werden praktische Handlungsempfehlungen für die Ausgestaltung der Prozesse aus klinisch-ethischer Perspektive gegeben.

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Früherkennungsuntersuchungen für Kinder: Ergebnisse einer AOK-Sekundärdatenanalyse

Doreen Müller, Gerhard Schillinger und Hendrik Dräther

Früherkennungsuntersuchungen für Kinder, die sogenannten U-Untersuchungen, sind nicht nur ein Mittel zur Krankheitsvorsorge, sondern sie dienen auch der Beobachtung und Begleitung der kindlichen Entwicklung von der Geburt an bis ins Schulalter hinein. Um möglichst viele Kinder im Rahmen der U-Untersuchungen erreichen zu können, wurde in einigen Bundesländern ein Einladungs-, Erinnerungs-und Meldewesen eingeführt. In den Abrechnungsdaten der AOK aus den Jahren 2008 bis 2016 zeigt sich über die Jahre hinweg eine höher werdende Inanspruchnahmerate der U-Untersuchungen, vor allem jener für Kinder im ersten Lebensjahr (U3 bis U6) mit Teilnahmeraten von über 95%. Die Untersuchungen für ältere Kinder ab dem 24. Lebensmonat (U7 bis U9) weisen jedoch durchgängig fast 10 Prozentpunkte geringere Raten auf. Des Weiteren hat bei der Geburtenkohorte 2010 mit 72,5% ein größerer Anteil der Kinder alle in diesem Beitrag betrachteten U-Untersuchungen (U3 bis U9) vollständig wahrgenommen im Vergleich zum Geburtenjahrgang 2008 mit 68,8%, sodass auch hier eine Steigerung vermutet werden kann. Dennoch haben 3,3% der Kinder an drei oder mehr Untersuchungen nicht teilgenommen. Trotz der beobachteten Steigerung der Inanspruchnahme sollte daher weiterhin darauf hingewirkt werden, alle Kinder mit diesen Untersuchungen zu erreichen.

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Screening auf kardiovaskuläre und metabolische Risikofaktoren

Günther Egidi

Erkrankungen der Herz-Kreislauf-Organe sind in den Industrieländern für die meisten Todesfälle verantwortlich. Darum liegt der Gedanke an eine Früherkennung nahe. Entsprechende präventive Untersuchungen wurden u.a. in Großbritannien und Deutschland eingeführt. Eine systematische Untersuchung der medizinischen Literatur zeigt aber: Nur für eine frühzeitige Diagnose eines Bluthochdruckes gibt es ausreichende Nutzenbelege. Messungen von Blutzucker und Cholesterin sowie Erfassung von Übergewicht und Rauchen werden zwar durchgeführt. Der Nutzen eines solchen Vorgehens, wie mit der Gesundheitsuntersuchung nach § 25 SGB V ohnehin nicht systematisch geschehend, konnte aber bislang nicht dargestellt werden. Entsprechende Bemühungen sollten sich auf Personen mit besonderen Risiken wie Zustand nach Herzinfarkt, familiäre Belastung, starke Raucher etc. fokussieren.

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Prostatakrebs-Früherkennung. Stand und Evidenz der Methoden

Henk B. Luiting und Monique J. Roobol

Prostatakrebs (PCa) ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern in den Industrieländern und die fünfthäufigste tumorbedingte Todesursache bei Männern insgesamt. 1991 wurde der Einsatz von Prostata-spezifischem Antigen (PSA) im Serum beschrieben, um Prostatakrebs in einem so frühen Stadium zu erkennen, dass eine kurative Behandlung noch möglich ist. Um die Frage zu beantworten, ob das PSA-basierte Screening die PCa-spezifische Mortalität reduzieren könnte, wurden 1993 zwei große randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt: der Prostate, Lung, Colorectal and Ovarian Cancer Screening Trial (PLCO) und die European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC). Nach jahrelanger Forschung und ebensolanger Diskussion schlussfolgerte man, dass das PSA-Screening die PCa-spezifische Mortalität reduzieren könne. Das PSA-basierte Screening hatte jedoch auch unerwünschte Nebenwirkungen wie unnötige Biopsien, Überdiagnosen und Übertherapie. Durch die Früherkennungsuntersuchungen wird auch Prostatakrebs, der klinisch nie auffällig werden würde, erkannt und behandelt, wobei Langzeitkomplikationen auftreten können, die die Lebensqualität beeinträchtigen. Bei einem rein PSA-basierten Screening in einem populationsbasierten Setting überwiegen diese Schäden tendenziell den Nutzen, sodass eine weitere Verfeinerung des Screening-Algorithmus angezeigt ist. Die Schäden des PSA-basierten Screenings werden durch die geringe Spezifität des PSA-Tests verursacht: Der PSA-Wert ist oft durch andere Ursachen als das Vorliegen eines klinisch signifikanten Prostatakarzinoms erhöht. Erfreulicherweise hat PSA eine hohe Sensitivität. Die gleichzeitig geringe Spezifität kann durch den Einsatz von neuentwickelten Biomarkern, Risikorechnern und bildgebenden Verfahren wie Multiparameter-MRT (mpMRT) in Kombination mit gezielten statt zufälligen systematischen Prostata-Biopsien verbessert werden. Zurzeit werden PSA-Tests sehr häufig bei Männern vorgenommen, die den Wunsch nach einem Prostatakrebs-Screening äußern. Leider gehören diese Männer oft höheren Altersgruppen an, die am wenigsten vom Prostatakrebs-Screening profitieren. Daher ist eine weitere Entwicklung und Implementierung von modernen Biomarkern, Risikorechnern und MRT-Verfahren notwendig, die zweifellos zu einem günstigeren Schaden-Nutzen-Verhältnis bei der Prostatakrebs-Früherkennung führen werden. Es sollten Pilotstudien zur Durchführung organisierter PCa-Screening-Programme begonnen werden, um das Nutzen-Schaden-Verhältnis und die Kostenwirksamkeit dieser neuen Verfahren zu ermitteln. Ein gut organisiertes, zeitgemäßes Screening-Programm ist den derzeitigen ineffektiven, opportunistischen Screening-Praktiken vorzuziehen.

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Screening auf Demenz

Patrick Müller und Notger G. Müller

Der Übersichtsartikel thematisiert den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zur Thematik des Demenz-Screenings. Dabei werden, unter Berücksichtigung aktueller Leitlinienempfehlungen, sowohl Möglichkeiten und Grenzen des Screenings als auch Chancen und Risiken für die Patienten diskutiert. Zusammenfassend wird aus medizinischer Perspektive kein pauschales Demenz-Screening für Personen ohne kognitive bzw. klinische Symptome empfohlen. Für eine optimale Behandlung sowie Versorgung ist hingegen eine frühzeitige, syndromale Diagnostik der Demenz grundlegend.

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Darmkrebsfrüherkennung und -vorsorge

Michael Hoffmeister und Hermann Brenner

Etwa seit 2003 sinken in Deutschland die altersstandardisierten Inzidenz- und Mortalitätsraten von Darmkrebs nach zuvor jahrzehntelangem Anstieg. Auch die absoluten Neuerkrankungszahlen sind trotz der demografischen Alterung der Bevölkerung rückläufig. Es wird erwartet, dass sich dieser Abwärtstrend in den kommenden Jahren weiter fortsetzen und verstärken wird. Der Rückgang wird hauptsächlich auf die seit Ende 2002 angebotene Screening-Koloskopie und anderweitige diagnostische Koloskopien zur Abklärung von Symptomen und Vorbefunden zurückgeführt, bei denen Darmkrebsvorstufen in der Regel zuverlässig entdeckt und unmittelbar abgetragen werden. Durch die Entfernung von gutartigen Vorstufen wird nicht nur eine Darmkrebsfrüherkennung ermöglicht, sondern in noch größerem Umfang auch eine Darmkrebsvorsorge. Seit 2002 wird die Vorsorge-Koloskopie als primäre Untersuchung für Versicherte ab 55 Jahren angeboten. Seit April 2017 wird anstelle des zuvor eingesetzten Guajak-basierten Tests auf Blut im Stuhl (gFOBT) der deutlich sensitivere immunchemische Test (FIT) in der Altersgruppe von 50–54 Jahren jährlich, ab 55 Jahren alternativ zur Vorsorge-Koloskopie alle 2 Jahre angeboten. Jedoch sind die Teil nahmeraten an den Screening-Angeboten in Deutschland weiterhin deutlich verbesserungswürdig. Mit der Einladung der Zielbevölkerung im künftigen organisierten Screening-Programm wird ein wichtiger, wissenschaftlich gestützter Schritt zur Verbesserung der Teilnahmeraten umgesetzt. Eine sinnvolle Umsetzung des organisierten Screenings erfordert darüber hinaus eine Qualitätssicherung des Angebots und eine zeitnahe direkte Evaluation. Da die Teilnahmeraten sowohl per FIT als auch per Koloskopie entscheidend sein werden für den Erfolg des organisierten Screening-Programms, sollten die Hürden der Teilnahme so niedrig wie möglich gehalten werden, um die Zahl der Darmkrebserkrankungen und Darmkrebstodesfälle in Zukunft weiter maßgeblich zu reduzieren.

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Aktuelle Evidenz zum Nutzen des Hautkrebs-Screenings

Alicia Brunßen, Nora Eisemann, Joachim Hübner und Alexander Katalinic

Hautkrebs ist eine häufige Krebserkrankung, deren asymptomatische Frühphase im Screening grundsätzlich detektierbar ist. Die Früherkennung soll eine schonendere Behandlung und damit eine bessere Lebensqualität der Erkrankten ermöglichen sowie Therapiekosten verringern. Ziel des Hautkrebs-Screenings (HKS) ist es, die Inzidenz dicker, prognostisch ungünstiger Hautkrebstumoren zu senken und melanombedingte Sterbefälle zu verhindern.

Die grundsätzliche Wirksamkeit eines Screenings sollte vor dessen Einführung in die Regelversorgung idealerweise durch eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) untersucht werden. In Deutschland wurde bereits Mitte 2008 ein HKS eingeführt, obwohl zum Nutzen des HKS damals wie heute ausschließlich Evidenz in Form von Beobachtungsstudien vorlag.

Die Inzidenz fortgeschrittener Melanome ist bislang nicht gesunken. In den Daten der epidemiologischen Krebsregister deuten sich derzeit keine positiven Effekte des HKS auf die Melanommortalität an. Melanombedingte Arbeitsausfälle sind hingegen häufiger geworden. Daher stehen den Aufwendungen für das HKS in einer Höhe von 725 Millionen Euro im Zeitraum 2009–2013 womöglich kaum Kosteneinsparungen gegenüber.

Seit Einführung des HKS ist die Hautkrebsinzidenz deutlich gestiegen. Da die Inzidenz fortgeschrittener Stadien gleich blieb, ist als eine wichtige mögliche Ursache neben der Detektion prävalenter Fälle eine relevante Anzahl an Überdiagnosen anzunehmen. Bei der Abwägung, ob ein HKS sinnvoll ist, sollten weitere potenzielle Risiken bedacht werden. Dazu gehören Sorgen, Ängste, Biopsien, Exzisionen, Narben, Wundinfektionen, falsch negative Screening-Ergebnisse und eine mögliche Vorverlagerung des Diagnosezeitpunktes ohne Gewinn zusätzlicher Lebenszeit.

Für eine belastbare Abwägung von Nutzen und Schaden des HKS gilt es, eine Vielzahl von Evidenzlücken zu schließen. Die Wirksamkeit des laufenden HKS sollte möglichst durch gezielte Modifikationen verbessert werden. Ansatzpunkte hierfür könnten durch eine aufschlussreiche Programmevaluation identifiziert werden.

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Teil II Daten und Analysen

Diagnosehäufigkeit und Inanspruchnahmen von Gesundheitsleistungen

Caroline Schmuker, Ghassan Beydoun und Christiane Roick

Der Beitrag berichtet für das Jahr 2016 die Häufigkeit von Erkrankungen und Behandlungen in Deutschland. Die Analysen basieren auf standardisierten Abrechnungsdaten von AOK-Versicherten. Dargestellt werden administrative Behandlungsprävalenzen nach den dreistelligen Diagnoseschlüsseln und den Diagnoseobergruppen des ICD-10. Zusätzlich werden in den vier ausgabenwirksamsten Leistungssektoren (stationäre Versorgung, ambulant-ärztliche Versorgung, Arzneimittel- und Heilmittelversorgung) Kennziffern zur Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen berichtet.

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